Tourbericht

Warum Vernunft heute wichtiger ist als jeder Kilometer

30.06.2026 · 18:29 Uhr · Gerlinde Müller

42 Grad, 106 Kilometer und die schwerste Entscheidung fürs Charity Tour-Team

Es gibt Tage, an denen man alles geben muss. Und es gibt Tage, an denen der mutigste Schritt darin besteht, rechtzeitig aufzuhören. Heute ist genau so ein Tag.

Urlaubsidylle am Mittelmeer

Der Morgen beginnt eigentlich genauso, wie man sich eine Radtour entlang der Mittelmeerküste vorstellt: wunderschöne Radwege direkt am Wasser, beeindruckende Ausblicke und beste Stimmung im Charity Team. Die Vorfreude auf eine weitere erfolgreiche Etappe ist groß.

Doch schon am Vormittag wird klar, dass dieser Tag den vier Rennradfahrern mehr abverlangt als jede bisherige Erfahrung. Mit jedem Kilometer steigen die Temperaturen. Statt die Küstenlandschaft zu genießen, sucht das Team jeden einzelnen Quadratmeter Schatten. Doch selbst dort bringt die Luft kaum noch Erleichterung. Kein Wölkchen ist am Himmel, die Sonne brennt unbarmherzig auf Fahrer und Material.

Jede Menge Wasser trinken und sogar das Wasser aus den Melonen aufsaugen

Bei Kilometer 106 zeigt das Thermometer bereits 42 Grad Celsius. Die Garmin-Radcomputer haben sich in der direkten Sonneneinstrahlung sogar auf rund 50 Grad aufgeheizt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Trinkflaschen bereits dreimal komplett aufgefüllt worden – trotzdem verliert der Körper mehr Flüssigkeit, als er aufnehmen kann.

Als wäre die Hitze nicht Herausforderung genug, sorgt auch ein kurzer Schreckmoment für erhöhten Puls. Zwei Fahrer wollen gleichzeitig einen schmalen Poller passieren. Zum Glück bleibt es bei einem Beinahe-Zusammenstoß. Die Erkenntnis des Tages: Auch beim Radeln für den guten Zweck ist Abstand manchmal der beste Begleiter.

Achtung: immer nur einer nach dem andern - Abstand als wichtiger Begleiter

Die schwerste Entscheidung für das Chartiy Team

Vor dem Team liegen noch rund 64 Kilometer bis zum Tagesziel Leucate.

Nach intensiven Gesprächen innerhalb des Teams und gemeinsam mit Begleitfahrer Klaus als objektivem Dritten fällt schließlich eine Entscheidung, die allen sichtlich schwerfällt: Die heutige Etappe wird abgebrochen und das Team steigt ins Begleitfahrzeug um.

Nicht aus mangelndem Ehrgeiz. Sondern aus Verantwortung.

Ein kritischer Blick in Werners Tourheft: Heute steht die längste Etappe auf dem Plan!

Denn irgendwann kämpfen die Fahrer nicht mehr gegen Anstiege oder Kilometer, sondern gegen den eigenen Körper. Mehrere außergewöhnlich heiße Nächte haben bereits verhindert, dass sich der Organismus ausreichend regenerieren kann. Die extreme Sonneneinstrahlung, die anhaltende Hitze und der enorme Flüssigkeitsverlust machen aus einer sportlichen Herausforderung zunehmend ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko.

Für Caspar ist diese Entscheidung nicht nur die eines Teammitglieds, sondern vor allem die eines Sohnes und Enkels. Sein Vater Karsten und sein Großvater Werner sind außergewöhnlich fit und verfügen über enorme Ausdauer. Trotzdem möchte der 19-Jährige unter keinen Umständen riskieren, dass einer von ihnen einen Hitzeschlag oder eine lebensgefährliche Überhitzung erleidet.

Kein sportliches Ziel ist es wert, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Das Ziel bleibt unverändert

Natürlich schmerzt dieser Tourabbruch.

Das Charity Team ist angetreten, möglichst jeden Kilometer aus eigener Kraft zurückzulegen. Gerade weil jeder Kilometer Menschen in Malawi und Äthiopien zugutekommt, fühlt sich jeder nicht gefahrene Abschnitt zunächst wie ein Rückschlag an. 

Doch Aufgeben ist keine Option.

Schon am Nachmittag beginnt die Planung für die kommenden Etappen. Um der größten Mittagshitze auszuweichen, sollen die Tagesetappen künftig bereits in den frühen Morgenstunden beginnen – möglichst noch vor dem Frühstück. So will das Team die kühlen Stunden optimal nutzen und gleichzeitig verantwortungsvoll mit den extremen Bedingungen umgehen.

Denn eines hat sich nicht verändert:

„Wir verwandeln Kilometer in Zukunft."

Jeder gefahrene Kilometer steht für Hoffnung. Für Bildung. Für medizinische Versorgung. Für bessere Zukunftsperspektiven für Menschen in Malawi und Äthiopien.

Ein Tag, der nachdenklich macht

Die heutige Etappe zeigt eindrucksvoll, wie stark extreme Wetterlagen inzwischen auch Europa prägen.

Während in Malawi aktuell Trockenzeit mit vergleichsweise angenehmen Temperaturen herrscht und in Äthiopien die Regenzeit das Wetter bestimmt, erleben beide Projektländer gleichzeitig immer häufiger die Folgen des Klimawandels: Dürren, Überschwemmungen und immer extremere Wetterereignisse erschweren den Alltag vieler Menschen.

Auch das Charity Team erlebt heute hautnah, welche Auswirkungen außergewöhnliche Hitze haben kann. Natürlich sind die Herausforderungen vor Ort nicht miteinander vergleichbar. Dennoch macht dieser Tag deutlich, wie sehr sich Wetterextreme inzwischen weltweit bemerkbar machen.

Die Tour geht weiter

Die heutige Etappe endet früher als geplant. Die Mission endet deshalb nicht.

Die Fahrt geht weiter -nicht heute, aber morgen!

Schon morgen will das Charity Team mit einem angepassten Konzept wieder auf dem Rad sitzen – mit derselben Motivation, derselben Leidenschaft und demselben Ziel wie am ersten Tag.

Wer die vier Fahrer auf ihrem Weg unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende ebenso tun, wie mit einer motivierenden Nachricht oder dem Teilen ihrer Geschichte. Jeder Beitrag hilft dabei, aus dieser außergewöhnlichen Tour weit mehr zu machen als eine sportliche Herausforderung.

Für Malawi. Für Äthiopien. Und für die Überzeugung, dass Vernunft manchmal der mutigste Schritt nach vorne ist.


Kommentare

Karsten

Ja, was für ein Tag…Gerlinde, Du hast die heutige Situation auf den Punkt gebracht. Es schmerzt und man leidet nicht nur körperlich, sondern vor allem emotional, wenn eine Etappe für den guten Zweck nicht zu Ende gefahren wird. ABER: Morgen ist ein neuer Tag, die Räder sind bereits für morgen gewartet, das Gepäck wird bereits heute Abend zum Verladen gepackt und spätestens um 07 Uhr, idealiter früher, starten wir Morgen auf die nächste Etappe - um was zu tun? Kilometer in Zukunft zu verwandeln! Auf bald!

Birgit Schlehahn

Ihr seid trotzdem die absoluten Helden, auch wenn heute etwas früher Schluss war. Wie vernünftig: Bitte denkt immer bei überaus großen Motivation auch an euch.
Wir unterstützen euch so gut wir können... Viele Grüsse...

Christiane

Definitiv die richtige Entscheidung fürs Team!
Nur wenn ihr fit seid, könnt ihr auch für Andere da sein!

Musste spontan an den Satz denken: " Willst du Gott zum Lachen bringen, erzähl ihm von deinen Plänen."
Manchmal haben Umwege oder "Zwangspausen" ihren Sinn - den wir erst im Nachhinein verstehen...

Euer Einsatz für die Charity Tour, das Spendenprojekt und euer soziales Engagement werden dadurch kein bisschen kleiner-im Gegenteil!
Eure Motivation zeigt sich heute gerade darin, die richtige Entscheidung für das Projekt zu treffen.

Wir hoffen, dass noch viele Menschen die Charity Tour auf charity-tour.de entdecken und diese Spendenaktion unterstützen.

Unsere guten Gedanken begleiten euch.
Morgen ist ein neuer Tag - und jede Etappe beginnt mit einer neuen Chance!

Karsten

Liebe Birgit,
was für ein schöner Gruß von Dir - eine Freude! Das Fahrerteam ist bereit für die nächste Etappe samt neuer Planung - 05:45 Wecker; Abfahrt 06:30; Frühstück zwischen 09:30 und 10 Uhr auf der Passhöhe / Grenzübertritt nach Spanien. Wir berichten!

Karsten

Liebe Christiane,
Danke für deine mutmachende Nachricht! Mut soll auch die Jugendlichen und Kinder in Äthiopien und Malawi begleiten - den Bildergruß aus dem Herz widmen wir Ihnen und allen, die gerne unsere Tour „Wir verwandeln Kilometer in Zukunft“ unterstützen.

Helmut

Leucate. - Hab gerade mit einem Glas Wein auf euch angestoßen. Hier endete vor drei Jahren unsere vorletzte Etappe.
Für morgen wieder neuen Mut und Kraft in den Beinen.

NAK-karitativ e.V.

Respekt für euren Einsatz – besonders bei diesen extremen Temperaturen! ☀️🥵

Was ihr leistet, ist alles andere als selbstverständlich. Dass ihr euch mit so viel Herzblut für unser Projekt „Starke Schulen, starke Kinder“ in Malawi einsetzt, erfüllt uns mit großer Dankbarkeit. Umso mehr verdient eure Entscheidung, den zweiten Tag bei Temperaturen von über 42 °C vorzeitig zu beenden, großen Respekt. Gesundheit und Sicherheit gehen immer vor – das war absolut die richtige Entscheidung.

Passt gut auf euch auf, trinkt ausreichend und kommt weiterhin gesund und sicher durch jeden Kilometer. Wir drücken euch die Daumen für den weiteren Verlauf der Charity-Tour und freuen uns über jede Spende, mit der eure gefahrenen Kilometer in Zukunft für Schülerinnen und Schüler in Malawi werden.

Von Herzen danke für euren großartigen Einsatz, eure Leidenschaft und eure Unterstützung. Ihr macht einen echten Unterschied!

Euer Team von NAK-karitativ

Holger Wolf

Großen Respekt vor dieser richtigen und verantwortungsvollen Entscheidung. Wer sowas schon gemacht hat, weiß wir schwer diese Entscheidung fällt.
Extreme Bedingungen erfordern besondere Maßnahmen wie zum Beispiel beim Ironman Eiswasserbecken und Regenduschen auf der Strecke um die Körperkerntemperatur der Athleten unten zu halten sowie ganz spezielle und abgestimmte Elektrolytzufuhr (Salt Sticks) u.a.m. Das ist bei so einer Tour wie Eurer gar nicht möglich und deswegen - alles richtig gemacht!
Und wir können viel daraus lernen wie wir mit unseren Mitmenschen, als Teammitglied oder -Leader und auch mit unserer Umwelt verantwortungsvoll umgehen. Viel Glück auf der weiteren Reise.
Herzlichst
Holger

Helmut und Brigitte Rübmann

Wir sind begeistert von der Initiative. Heute habe ich in meinem Whatts App Status für das Projekt geworben und hoffe dass die Aktion unterstützt wird.

Wir begleiten euch mit unseren Gebeten.

Viele Grüße Helmut und Brigitte

Karsten

Lieber Helmut: In der Tat, Leucate weckt viele Erinnerungen (keine / abgesagte Unterkunft/ Last Minute Suche nach freien Zimmern im
Ort, spätabends dann das erste kühle Bier auf der Terrasse, usw.). Wir waren gestern Abend im Hafen Leucate in demselben Restaurant, dessen Speisekarte wir 2023 nach der langen Etappe leer gefuttert hatten. Heute Morgen sind wir dann mit dem wunderbaren Geschrei der Möwen und starkem Küstenwind aufgewacht. Unsere Tour 2023 bleibt unvergessen! Mehr zur heutigen Etappe später im Blog!

Karsten an Holger

Lieber Holger, da spricht die langjährige Erfahrung eines wunderbaren Menschen und Tour-Kameraden. Danke an Dich für diese Hinweise und positiven Zuspruch. Schön, dass Du unsere Tour verfolgst - auf bald auf dem Rad again!

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