Tourbericht

Kilometer für Kinderrechte – und das Recht auf Erholung

05.07.2026 · 01:19 Uhr · Gerlinde Müller

Tag 6: Nicht jeder Kilometer wird im Sattel gefahren 

Von L'Ampolla nach Castellón de la Plana | 139 km | 690 Höhenmeter

Nach der kräftezehrenden Etappe am Vortag zeigt sich die sechste Etappe der Charity Tour von einer etwas moderateren Seite. Mit 139 Kilometern und 690 Höhenmetern ist sie weniger anspruchsvoll als gestern. Doch eines bleibt unverändert: Die sengende Hitze fordert ihren Tribut.

Die sengende Hitze verlangt nach immer häufigeren Trinkpausen

Manchmal ist die mutigste Entscheidung eine Pause

Heute gehen nur Werner und Karsten auf die Strecke. Der 17-jährige Konstantin und der 19-jährige Caspar entscheiden sich bewusst für einen Regenerationstag. Nach fünf intensiven Etappen und einer Bonusetappe auf den Mont Ventourx hören sie auf ihren Körper und verzichten darauf, in den Sattel zu steigen. Mit einem Blick auf die bevorstehenden schweren Bergetappen in der nächsten Woche ist die Entscheidung nachvollziehbar.

Untätig sind die beiden deshalb aber keineswegs. Statt auf dem Rennrad absolvieren sie heute einen „Praktikumstag“ bei Tour-Logistiker Klaus. Der Tour-Van wird gründlich auf Vordermann gebracht, die Kühlbox muss gereinigt werden, nachdem ein Energy-Gel ausgelaufen ist, und natürlich steht auch der Fahrrad-Check auf dem Programm. Dabei sorgt ein technisches Problem für etwas Unruhe: Konstantins Fahrrad hat einen Defekt und muss am Montagmorgen in die Werkstatt. Zum Glück befindet sich ein Fahrradladen ganz in der Nähe des nächsten Domizils, sodass einer schnellen Reparatur nichts im Wege stehen sollte.

Heute geht es um mehr als Radfahren

Die heutige Situation regt zum Nachdenken an. Dürfen Jugendliche auf ihre eigenen Bedürfnisse hören? Dürfen sie sich gegen die Erwartungen ihres Vaters oder Großvaters stellen und sagen: Heute brauche ich eine Pause?

Für uns wirkt dies fast selbstverständlich. Kinder und Jugendliche haben Rechte. Sie sollen geschützt werden, Zeit für Bildung, Entwicklung und Erholung haben und nicht schon als Kinder die Verantwortung eines Erwachsenen tragen müssen.

Doch genau das ist nicht überall auf der Welt Realität. In Ländern wie Malawi oder Äthiopien gehört Kinderarbeit für viele Familien zum Alltag. Millionen Kinder arbeiten mit, weil das Einkommen zum Überleben gebraucht wird. Besonders hart trifft es Mädchen. Bevor sie überhaupt an Schule oder Freizeit denken können, übernehmen sie Verantwortung im Haushalt, kümmern sich um jüngere Geschwister oder legen täglich stundenlange Wege zurück, um Wasser zu holen.

Vor diesem Hintergrund bekommt die heutige Entscheidung von Caspar und Konstantin eine besondere Bedeutung. Sie dürfen eine Pause machen. Sie dürfen auf ihren Körper hören. Sie dürfen sich erholen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, das viele Kinder und Jugendliche weltweit nicht haben.

Nicht überall dürfen Kinder Kinder sein

Genau deshalb ist diese Charity Tour so viel mehr als eine sportliche Herausforderung. Jeder gefahrene Kilometer macht auf die Lebensrealität von Kindern aufmerksam, denen genau diese Freiräume fehlen. Während Werner und Karsten heute Kilometer für den guten Zweck sammeln, erinnert der Regenerationstag der beiden jungen Fahrer daran, wie wertvoll Kinderrechte sind – und dass sie längst nicht überall auf der Welt verwirklicht sind.

Auch für Werner und Karsten bleibt die Etappe trotz des moderaten Profils anspruchsvoll. Die Hitze macht jeden Kilometer zur Herausforderung, und nach fast einer Woche im Sattel spüren alle die Belastung. Unterschiedliche Generationen treffen aufeinander – oder, wie Karsten es mit einem Schmunzeln beschreibt: „Werners Welt trifft auf die junge Welt.“ Solche Momente gehören zu einer langen Tour genauso dazu wie Gegenwind und Anstiege.

Werner ist gut trainiert und verliert sein Ziel nie aus den Augen

Morgen steht auch für Werner und Karsten der wohlverdiente Ruhetag an. Für alle vier Fahrer bedeutet das: Kräfte sammeln, durchatmen und sich auf die kommenden Bergetappen vorbereiten.

Für die Mädchen in den Projektregionen von Malawi und Äthiopien gibt es einen solchen Ruhetag oft nicht. Ihr Alltag ist geprägt von Verantwortung, langen Wegen und Pflichten, die ihnen Zeit zum Lernen und zum Kindsein nehmen. Genau hier setzt die Arbeit von human aktiv und NAK-karitativ an: Mädchen erhalten Zugang zu Bildung, ihre Familien werden gestärkt und ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben wachsen.

Mädchen haben ebenso wie Jungen überall auf der Welt das Recht auf eine unbeschwerte Kindheit

Das Foto der Schülerinnen aus Äthiopien zeigt, wie viel Hoffnung in einem Schulbesuch steckt. Und das Video aus Malawi macht deutlich, wie der Alltag vieler Mädchen tatsächlich aussieht. 

Das Video zeigt uns die Lebensrealität von Mädchen in Malawi

Beides erinnert uns daran, warum diese Charity Tour fährt: Damit Kinder – und insbesondere Mädchen – die Chance bekommen, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Jeder gespendete Euro und jeder gefahrene Kilometer bringen uns diesem Ziel ein Stück näher.

Kommentare

Helmut

Grandios, formidable, herausragend!
Diese harte Woche geschafft.
Ihr habt Grenzerfahrungen gemacht. Nicht nur an der Border F / E. Diese brutale Hitze, die Anstiege. " Man kennt seine Grenzen erst wirklich wenn man sie überschreitet"
Erholt euch, sammelt neue Kräfte, ladet eure Accus! - (... aber weiter geht wieder mit Bio-bike!) Beste Grüße von der Weser.

Conny u. Helmut

Ihr Lieben,
welch anstrengende und kräfteraubenden Tage liegen hinter euch. Die Hitze, die unschönen Wege, der Schreckmoment und die Berge. Ihr habt unsagbar viel geleistet und wir können nur sagen "IHR ALLE SEID HELDEN!!!!"
Gönnt euch die Ruhepause und sammelt neue Kraft. In Gedanken sind wir bei euch.
Herzliche Grüße Conny und Helmut

Karsten

Ruhetag - was für eine Freude! Nicht nur körperlich, sondern auch für Geist und Seele. Was ich für mich sagen kann: Die erste Tourwoche mit ihren 6(7 - Mont Ventaux) Etappen war voller Eindrücke. Unterschiedlichste Landschaften, Orte, historische Plätze, Landschaften (am Meer entlang, hügelig, grün, karg, endlos), Denkpausen und Denkanstöße auf dem Rad, Reflexion über die Umstände, Chancen und Zukunft der Kinder und Jugendlichen in Äthiopien und Malawi…..Dankbarkeit gegenüber allen Tour- Unterstützern und großherzigen Spendern, die Kilometer in Zukunft verwandeln…es wäre noch so viel mehr zu sagen…
Heute nutzen wir den Tag zur Planung der Etappen der kommenden Woche, dies vor allem auch unter Berücksichtigung der Temperaturen hier und auf der Strecke. Viele Grüße an alle Leser, Freunde und Unterstützer aus dem Fahrerlager🤗🙌🚵‍♂️🚵‍♂️🚵‍♂️🚵‍♂️🚐🙏

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